Die Katze im Sack. Oder: Wie Sony sich nicht um das Widerrufsrecht schert

Update: Die Geschichte geht weiter: 2. Akt3. Akt

Das schöne am technologischen Fortschritt ist: Man muss die Couch nicht mehr verlassen, um ein brandneues, von vielen Seiten gelobtes und lang erwartetes Spiel genießen zu können. Der Download von Red Dead Redemption 2 aus dem Internet hat knapp sechs Stunden gedauert, danach konnte ich mich sofort in die Wildnis stürzen. Und eines möchte ich hier erstmal vorwegnehmen: Red Dead Redemption 2 hat nur das Pech, dass ich daran meine Kritik aufziehe. Also packt die Mistgabeln wieder ein, RDR2 ist ein Meilenstein und hat das viele Lob bestimmt verdient. Wie auch immer. Ich habe nun nicht nur meiner Bequemlichkeit nachgegeben, sondern auch einen wichtigen ökologischen Beitrag geleistet. Das Spiel muss nicht aus dem Presswerk zu mir nach Hause transportiert werden und es entsteht kein Verpackungsmüll. In 2018 darf man das ruhig mal erwähnen.

Diesen Vorteil gibt Sony leider nicht unbedingt an seine Kunden weiter. Das Spiel kostet im PlayStation-Store derzeit 69,90 Euro. Bei Amazon kann ich mir das Spiel für 59,98 Euro liefern lassen. Bei MediaMarkt und Saturn gab es das Spiel kurzzeitig sogar für 49,90 Euro. Im Namen der Faulheit: geschenkt.

Das Pferd im Stall, oder: Die Katze im Sack

Leider hat der Download auch einen anderen entscheidenden Nachteil: Man kauft die Katze im Sack. Und wird sie dann auch nicht mehr los. Hätte ich das Spiel aus einer Plastik-Packung gefischt, könnte ich es mitsamt dieser bei Nichtgefallen weiter verkaufen – abzüglich eines kleinen Malus, versteht sich.
Bei einem Download habe ich diese Möglichkeit nicht, das Spiel ist an meinen Account gebunden. Es bleibt also nur der Widerruf des Kaufvertrages, der seit 2014 eigentlich auch bei Downloads möglich sein soll. Mit einer nahe liegenden Ausnahme: Wenn der Käufer explizit auf das Widerrufsrecht verzichtet, hat er kein Recht auf Widerruf. Explizit wohl auch deshalb, weil man auf dieses schöne Recht ja kaum freiwillig verzichten mag. Und explizit heißt: Wissentlich und, wie es im Juristendeutsch so schön heißt, nicht konkludent. Eine Empfehlung dazu lautet, diesen Verzicht mit einer Checkbox einzuholen.

Diese Ausschluss-Klausel nimmt dem Widerrufs-Prinzip freilich den Wind aus den Segeln. Stell’ dir vor, du bestellst bei Amazon einen Stuhl. Und Amazon verschickt den Stuhl nur, wenn du vorher auf dein Widerrufsrecht verzichtest. Absurd, oder? Sony macht genau das. Und hebt das Absurditäts-Niveau noch etwas an: Du musst nicht mal eine Checkbox aktivieren. Es gibt einen kleinen versteckten Hinweis mit einem etwas verschwurbelten Text, der dir aber genau das erwähnte Recht nimmt. Dein Recht auf Widerruf. Der Kaufen-Button ist also schnell gedrückt.

Bestellbestätigung - eine explizite Einwilligung (Checkbox) gibt es nicht und allein der Download der Software lässt das Recht auf Widerruf erlöschen

Bestellbestätigung – eine explizite Einwilligung (Checkbox) gibt es nicht und allein der Download der Software lässt das Recht auf Widerruf erlöschen

Nach ein paar Stunden frustrierter Spielerfahrung hatte ich genug. Die Katze war aus dem Sack und sie war zwar ganz schön anzusehen, raubte mir aber auch den Nerv. Bei all seiner Schönheit und der Arbeit, die in Red Dead Redemption 2 steckt – es hat auch seine Mängel. Ich wollte den Kauf nach etwa 24 Stunden rückgängig machen. Dass ich nicht der einzige bin, der sich an der einen oder anderen Stelle über das Spiel ärgert, lässt sich neben vielen überschwänglichen Rezensionen auch an einigen kritischen Bemerkungen, vor allem zur Steuerung, Mechanik und immer wieder der Langatmigkeit erkennen. Ja. Auch ein Spiel kann mangelbehaftet sein, auch wenn diese Diagnose vielleicht eher subjektiv entsteht. Aber was ist aus dem guten alten Zweck der Fernabsatz-Regelung geworden, bei der ein Mangel gar nicht vorliegen muss, dem “Widerruf ohne Angabe von Gründen“?

Mimimi? Darf er das?

“Mimimi” vernehme ich es aus der letzten Reihe. Erst ganz leise, dann ganz laut. Darf ich das? Vielleicht bin ich ein überempfindlicher und überforderter, in die Jahre gekommener Cashual-Spieler und RDR2 ist einfach nichts für mich. Doch genau diese Erfahrung kann ich eben nur machen, wenn ich das Spiel selber spiele und nicht, indem ich mich nur an den zahlreichen Previews orientiere, die bei allem berechtigten Lob über die bombastische Grafik und die Liebe zum Detail doch einige Kritikpunkte unerwähnt lassen.

Natürlich hat Sony meinem versuchten Widerruf nicht nachgegeben. Man landet bei einem anonymen Support-Mitarbeiter, der vermutlich nur eine Checkliste abarbeitet und dann mit einer Musterantwort reagiert. Pech gehabt. 70 Euro. Treffer. Versenkt. Früher gab es kostenlose Demos, heute kauft man die Katze im Sack.

Google ist in solchen Fragen übrigens etwas kulanter. Hier hat man die Möglichkeit, Downloads bis 48 Stunden zu reklamieren. Bei Steam kann man Spiele sogar 14 Tage nach Kauf noch zurückgeben. Bei Apple gibt es ebenfalls die 14-Tage-Frist für die Rückgabe von Apps, ebenso bei Microsoft. Microsoft setzt für den Widerruf sogar explizit voraus, dass das  heruntergeladen und getestet wurde, allerdings gilt das wohl nur für den AppStore. Bei der XBox scheint Microsoft ähnlich wie Sony zu verfahren.

Schöne neue Welt

Nicht nur die Spieler, auch die Händler profitieren davon, dass Spiele über das Internet direkt auf die Konsole geladen werden können. Abgesehen vom Zeitvorteil hat der Couch-Potatoe davon aber zumindest bei Sony nicht viel. Sony ruft sogar einen weitaus höheren Preis für den Download auf, als der lokale Handel für das Produkt zum Anfassen – Red Dead Redemption 2 ist hier keine Ausnahme. Zwar gibt es ab und an mal ein paar zusätzliche Skins, aber die rechtfertigen derartige Preisunterschiede kaum. Trotz allem scheint das sehr gut zu funktionieren.

Ich weiß, dass ich mich auf sehr dünnes Eis begebe. RDR2 schwimmt im Moment auf einer Hype-Welle durch die Medien. Das Prädikat “Meilenstein” trägt es vielleicht sogar zurecht. Meine Kritik richtet sich  auch gar nicht gegen das Spiel oder Rockstar, sondern gegen Sony. RDR2 ist nur das Beispiel an dem ich das Prinzip kritisiere. Nicht jedes Spiel muss jedem Spieler gefallen und auch ein Spiel – aka Software – kann Mängel haben. Und selbst die müssen nach der Fernabsatzregelung für einen Widerruf gar nicht mal vorliegen. Trotzdem kann ich eine heruntergeladene Software bei Nichtgefallen nicht ohne weiteres zurück geben.

Es wird verlangt, den digitalen nicht greifbaren Produkten die gleiche Wertschätzung entgegen zu bringen, wie den Waren aus Holz, Stahl und Glas. Gleichzeitig werden aber, mutmaßlich unter dem Vorwand der “Gefahr durch Raubkopien”, komplett andere Maßstäbe angesetzt. Ungeachtet der Tatsache, dass der Einfluss der Raubkopien auf den Erfolg wohl geringer ist als befürchtet und die Spiele-Industrie ohnehin traumhafte Wachstumsraten verzeichnen kann.

Ein unbequemer Stuhl, auf dem ich eine Stunde gesessen habe, lässt sich leicht wieder zurückgeben. Ohne Angabe von Gründen. Ein Spiel, das nur als Download vorliegt und das ich eine Stunde lang getestet habe, werde ich so leicht nicht wieder los. Danke für nichts, Sony.

Update 12. Nov. 2018

Nachdem ich mich mit meinem Anliegen hoffnungsvoll an die Verbraucherzentrale Berlin gewandt habe, wurde meine Rechtsauffassung zunächst einmal bestätigt. Deren Einschätzung habe ich natürlich umgehend an Sony durchgereicht. Der diensthabende Player Support Specialist hat aber auch diese Nachricht wie gehabt mit dem lapidaren Verweis auf die eigenen Nutzungsbedingungen abgewiesen.

Durch Zufall bin ich außerdem auf einen Fall gestoßen, der nur knapp 2 Monate zurück liegt: Auch die Verbraucherzentrale NRW hat Sony bereits abgemahnt. Unter anderem wegen der “Darstellung des gesetzlichen Widerrufsrechts“. Auch der Verbraucherschutz aus Norwegen hatte eine Beschwerde gegen u.a. Sony eingereicht, weil das Unternehmen die erforderliche Einverständniserklärung für den Verzicht auf den Widerruf nicht korrekt einholt:

“However, the NCC cannot see that any of these three service providers properly gather consent from the consumer about the loss of the right of withdrawal, as required in the Cancellation Act, section 22, m”

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